Ein Bericht über das Gleiten, das Stolpern und die Kunst, in der Stille anzukommen.
Die Sache mit dem Gleichgewicht
Ich muss zunächst etwas gestehen, und es ist mir nicht ganz leicht, das zu tun, weil es mein Selbstbild beschädigt, das ohnehin schon so viele Kratzer hat, dass es aussieht wie ein Handydisplay nach drei Jahren ohne Schutzfolie: Ich bin kein begnadeter Wintersportler. Ich bin nicht einmal ein passabler. Ich bin jemand, der auf zwei dünnen Brettern steht und sofort beginnt, mit dem Universum zu verhandeln. Bitte lass mich nicht fallen. Nicht hier. Nicht vor diesen Menschen.
Als ich das erste Mal auf Langlaufski stand – es muss in den Neunzigern gewesen sein, in einem Winter, der so kalt war, dass mein Vater behauptete, er könne hören, wie die Bäume vor Frost schreien –, da fiel ich nach exakt vier Metern hin. Nicht dramatisch, nicht spektakulär, sondern auf diese stille, langsame Art, bei der man genug Zeit hat, den Sturz kommen zu sehen, aber zu wenig, um ihn zu verhindern. Ich lag da, die Ski in zwei verschiedene Himmelsrichtungen zeigend, und ein alter Mann glitt an mir vorbei, nickte und sagte: „Wird schon.“ Es wurde nicht. Jedenfalls nicht an diesem Tag.

Aber etwas blieb hängen. Nicht die Demütigung – die verblasst, wie alle Demütigungen, wenn man genug davon sammelt –, sondern dieses Gefühl, das ich in den wenigen Sekunden des Gleitens hatte, bevor die Schwerkraft mich wieder einholte. Dieses lautlose Vorwärtskommen, dieses Dahingleiten über den Schnee, bei dem man das Gefühl hat, die Welt bewegt sich unter einem hindurch, nicht umgekehrt. Dieses Gefühl also hat mich dreißig Jahre später nach Zauchensee gebracht.
Ankunft oder: Die Stille als Ohrfeige
Man muss sich Zauchensee als Gegenthese vorstellen. Eine Gegenthese zu allem, was man vom Winterurlaub in den Alpen erwartet. Kein Geröhre aus Lautsprechern, keine Schlangen am Lift, in denen Menschen mit Skischuhen gegeneinanderklappern wie schlecht verpacktes Porzellan. Stattdessen: Stille. Eine Stille, die einen fast erschreckt, weil man sie verlernt hat. Man steigt aus dem Auto, und das Erste, was man hört, ist – nichts. Dann das Knirschen des eigenen Schuhs im Schnee. Dann der Wind, der über den Kamm streicht. Und dann merkt man, dass man lächelt, ohne es geplant zu haben.
Zauchensee liegt auf über tausend Metern, eingebettet in ein Hochtal im Salzburger Land, das so schneesicher ist, dass der Winter hier nicht verhandelt, sondern beschließt. Der Schnee fällt, er bleibt, er wird zur Selbstverständlichkeit. Und inmitten dieses Schnees liegen Loipen, die sich durch das Tal ziehen wie stille Versprechen. Ich stand also da, mit meinen geliehenen Langlaufski, und spürte zum ersten Mal seit Monaten so etwas wie eine Abwesenheit von Hektik. Nicht Entspannung – das ist etwas anderes, etwas Gewolltes. Sondern einfach das Aufhören von Lärm.

Die erste Loipe: Der Körper erinnert sich
Das Anschnallen der Langlaufski ist ein Ritual, das eine gewisse Demut erfordert. Man bückt sich, man fummelt, man flucht leise, man fragt sich, warum das nicht einfacher geht, und dann klickt es, und man steht da, plötzlich zwei Meter länger als vorher, und die Welt kippt ein wenig. Die ersten Schritte sind immer eine Verhandlung zwischen Ehrgeiz und Gleichgewichtssinn, und meistens gewinnt der Gleichgewichtssinn, indem er aufgibt.
Aber dann, nach hundert Metern vielleicht, passiert etwas. Der Körper erinnert sich. Nicht an eine bestimmte Technik, nicht an einen Kurs, sondern an einen Rhythmus, der älter ist als jede Anleitung. Rechts, links, abstoßen, gleiten. Rechts, links, abstoßen, gleiten. Es ist wie Atmen, nur mit den Beinen. Und plötzlich öffnet sich die Landschaft. Das Tal weitet sich, die Berge treten zurück, als wollten sie Platz machen, und man gleitet durch eine Welt, die so weiß und so still ist, dass sie unwirklich wirkt, wie eine Erinnerung an einen Traum, den man noch nie geträumt hat.
Die Loipen rund um Zauchensee sind keine Rennstrecken, jedenfalls nicht für Leute wie mich. Es gibt leichte Runden durch das Tal, mittelschwere Strecken, die einen hinauf in die Höhe führen, und anspruchsvolle Touren für jene, die das Leiden dem Genuss vorziehen. Ich hielt mich an die Talloipe, eine sanfte Runde, die sich durch verschneite Wiesen und an einem Bach entlang windet, der unter einer dünnen Eisschicht vor sich hin murmelt wie jemand, der im Schlaf spricht. Hin und wieder überholte mich jemand mit dieser mühelosen Eleganz, die erfahrene Langläufer haben, dieser Art, sich zu bewegen, als wäre Reibung etwas, das nur anderen Leuten passiert.

Der Körper als Komödiant
Es gibt beim Langlaufen einen Moment, der meistens am zweiten Tag kommt, manchmal auch schon am Abend des ersten: Man entdeckt Muskeln, von deren Existenz man nichts wusste. Es sind Muskeln an Stellen, die man nicht benennen kann, irgendwo zwischen Hüfte und Knie, irgendwo im oberen Rücken, irgendwo in einer Region, die man nur als „dort“ beschreiben kann, mit einer vagen Geste auf den eigenen Körper. Man steht morgens auf und bewegt sich wie eine Marionette, deren Fäden sich über Nacht verheddert haben.
Aber genau das ist auch das Ehrliche am Langlaufen. Es versteckt nichts. Es gibt keine Gondel, die einen nach oben trägt, keinen Lift, kein technisches Gerät zwischen dem eigenen Körper und dem Berg. Man ist allein mit seiner Anstrengung, seinem Atem, der in kleinen Wolken vor dem Gesicht steht, dem Geräusch der Ski, die über den Schnee streichen. Es ist Meditation für Menschen, die nicht stillsitzen können. Man denkt nicht nach, man gleitet, und irgendwann hören die Gedanken auf, sich im Kreis zu drehen, und fangen an, geradeaus zu laufen, genau wie man selbst.
Rast an einem Ort ohne Namen
Irgendwann, nach einer Stunde vielleicht, hielt ich an. Nicht weil ich musste, sondern weil die Landschaft es verlangte. Es gibt Orte, an denen man stehen bleiben muss, weil alles andere unhöflich wäre. Dieser Ort war eine Bank am Rand der Loipe, neben einer kleinen Brücke über einen Bach, umgeben von Fichten, die unter ihrer Schneelast standen wie Mönche in weißen Kutten. Die Sonne schien, obwohl die Luft kalt war, und diese Kombination – Sonne auf dem Gesicht, Kälte in den Lungen – erzeugte ein Gefühl, für das es kein Wort gibt, jedenfalls keines, das ich kenne.
Ein älterer Mann auf Langlaufski kam vorbei, blieb kurz stehen, schaute in dieselbe Richtung wie ich, sagte „Ja“, und glitt weiter. Es war das kürzeste und zugleich vollständigste Gespräch, das ich je geführt habe. Dieses „Ja“ enthielt alles: die Schönheit, die Kälte, die Stille, das Glück, hier zu sein. Mehr brauchte es nicht.

Zurückkommen: Wenn das Hotel zur Umarmung wird
Die Rückkehr ins Warme nach einem Tag auf der Loipe ist ein fast schmerzhafter Kontrast. Man öffnet die Tür, und die Hitze trifft einen wie eine Umarmung von jemandem, der nicht weiß, wann er loslassen soll. Die Schuhe aus, die Jacke ab, die nassen Socken, die am Boden ein kleines Kunstwerk aus Schmelzwasser hinterlassen. Und dann steht man da, in der Lobby oder der Stube, und spürt, wie die Müdigkeit einsetzt, nicht die schlechte, sondern die gute, die erarbeitete, die, die man sich verdient hat.
Die Unterkünfte in Zauchensee erzählen eigene Geschichten, und das meine ich nicht metaphorisch. Da gibt es Pensionen, in denen die Wirtin einen beim zweiten Besuch mit Vornamen begrüßt und beim dritten so tut, als gehöre man zur Familie. Da gibt es das eine oder andere Zauchensee Hotel, die nach Zirbenholz riechen, als hätte jemand den Wald ins Haus eingeladen und er hätte es sich bequem gemacht. Die Böden knarzen, die Betten sind breit, die Daunendecken so dick, dass man darin versinkt wie in einer freundlichen Wolke. Es gibt Wellnessbereiche, in denen man nach der Loipe in eine Sauna geht und spürt, wie sich jeder einzelne Muskel – auch die, von deren Existenz man erst seit heute weiß – langsam wieder entspannt.
Was mir an den Unterkünften hier auffiel, war die Abwesenheit von Inszenierung. Nichts wirkt gemacht. Die Gemütlichkeit ist nicht designt, sie ist gewachsen, über Jahre, über Generationen vielleicht. Die Bilder an den Wänden zeigen keine abstrakten Kunstwerke, sondern Berge, die man durchs Fenster sehen kann. Der Kuchen am Nachmittag ist nicht „hausgefertigt nach traditionellem Rezept“, er ist einfach von der Wirtin gebacken worden, weil Donnerstag ist und donnerstags gibt es Kuchen.
Abend: Wenn die Berge schwarz werden
Der Abend kommt in Zauchensee nicht, er fällt. Die Sonne verschwindet hinter dem Kamm, und innerhalb weniger Minuten verwandeln sich die Berge von weißen Riesen in schwarze Silhouetten, und der Himmel darüber wird erst orange, dann violett, dann dunkelblau, und man steht am Fenster und schaut zu, als würde jemand das Licht langsam dimmen in einem Theater, das so groß ist, dass es keinen Saal braucht.
Das Abendessen im Hotelrestaurant oder in einer der Gaststuben wird nach einem Tag auf der Loipe zum Ereignis. Nicht weil die Speisekarte besonders wäre – obwohl sie das durchaus ist, mit Knödeln und Wild und Käsespätzle und Dingen, die man in der Stadt nie bestellen würde, weil sie einem zu schwer vorkämen, die aber hier, nach fünf Stunden im Schnee, genau richtig sind –, sondern weil der Hunger ein anderer ist. Es ist ein Hunger, der vom Körper kommt, nicht von der Langeweile, und er macht alles besser.
Manche Hotels haben Bars, die so klein sind, dass man zwangsläufig ins Gespräch kommt. Ein Ehepaar aus Hamburg, das seit zwanzig Jahren hierherkommt. Eine junge Frau, die allein reist und das Langlaufen gerade erst für sich entdeckt hat. Ein Einheimischer, der von früher erzählt, als es hier noch keine Lifte gab und der Winter bedeutete, dass man blieb, wo man war. Man trinkt ein Bier oder einen Schnaps, und die Gespräche haben eine Leichtigkeit, die man aus dem Alltag nicht kennt, vielleicht weil alle denselben Tag hinter sich haben, dieselbe Erschöpfung, dieselbe stille Zufriedenheit.

Der nächste Morgen: Noch einmal raus
Frühmorgens auf der Loipe, bevor die anderen aufstehen. Die Spur ist frisch, die Luft schneidet in die Lungen, der Himmel ist so blau, dass es fast weh tut. Man gleitet durch eine Welt, die sich anfühlt, als wäre sie gerade erst erschaffen worden, nur für diesen einen Moment, nur für einen selbst. Es ist natürlich Größenwahn, das so zu empfinden, aber Langlaufen am frühen Morgen in einem verschneiten Hochtal macht einem den Größenwahn leicht.
Ein Reh stand am Rand der Loipe, zwanzig Meter entfernt vielleicht, und schaute mich an mit einem Blick, der weder Angst noch Interesse enthielt, sondern etwas dazwischen, eine Art höfliche Kenntnisnahme. Wir standen so eine Weile, das Reh und ich, in dieser Stille, die nicht leer war, sondern voll von allem, was man nicht sagen muss. Dann drehte es sich um und verschwand zwischen den Bäumen, und ich stand da und merkte, dass mir die Augen feucht geworden waren, und ich wusste nicht, ob es die Kälte war oder etwas anderes.
Abfahrt oder: Was bleibt
Die Abreise aus Zauchensee ist ein kleiner Schmerz. Das Einladen der Ski ins Auto, der letzte Blick zurück auf das Tal, das daliegt wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Geschichte man nicht zu Ende gelesen hat. Man fährt los, und mit jedem Kilometer wird die Welt lauter, voller, schneller, und man spürt, wie sich etwas zusammenzieht in der Brust, eine Art Abschiedsweh, das man sonst nur von Menschen kennt, nicht von Orten.
Aber vielleicht ist das der Grund, warum Orte wie Zauchensee wichtig sind. Nicht weil sie spektakulär wären – es gibt höhere Berge, längere Loipen, berühmtere Skigebiete. Sondern weil sie leise sind. Weil sie einem nichts beweisen wollen. Weil sie einen daran erinnern, dass Urlaub auch bedeuten kann, weniger zu tun statt mehr. Dass Stille kein Mangel ist, sondern ein Geschenk. Und dass manchmal ein einziges „Ja“ von einem fremden Mann auf Langlaufski mehr sagt als tausend Worte in einem Reiseprospekt.
Zu Hause angekommen, stellte ich die Langlaufski in den Keller, neben die anderen Dinge, die ich zu selten benutze und zu sehr liebe. Und ich wusste: Ich würde wiederkommen. Nicht weil ich inzwischen elegant langlaufen kann – das wäre gelogen, und Lügen auf Langlaufski haben kurze Beine, genau wie ich auf Langlaufski. Sondern weil es da draußen eine Bank gibt, neben einer Brücke, neben einem Bach, an der ein alter Mann „Ja“ gesagt hat. Und weil ich dieses „Ja“ noch einmal hören möchte.